Panorama für eine Archäologie der Gegenwart/M2/1

  Architekturzeichnung Urheberrecht: © Barker 1793

Aufbruchsbewegungen und der Wunsch nach Wandel für eine bessere Zukunft werden hervorgerufen durch politische und ökologische Krisen, in deren Verlauf sich vormals günstige Lebensbedingungen mehr und mehr in lebens-feindliche Bedingungen umkehren. Obwohl das ‚Wesen Mensch‘ als intelligent gilt, wird es immer wieder und vor allem seit dem Zeitalter des Anthropozäns damit konfrontiert, dass es zukünftige Ereignisse trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse und vorhandener Technologien in ihrer tatsächlichen Dynamik weder voraussehen, noch planen, geschweige denn kontrollieren kann (Harari, 2017). Dieses auch für Planer entstehende Dilemma steht im Mittelpunkt des Projekts PANORAMA: Als Massenmedium des 19. Jahrhunderts (siehe Abb.) präsentierten Panoramen anhand zwei- und dreidimensionaler Prospekte historische, gegenwärtige aber auch zukünftige Szenarien öffentlicher Räume.
Im thematischen Fokus des Projektes steht das Rheinische Revier: Eine sich seit Generationen dynamisch transformierende Region, die auf der einen Seite durch den Tagebau ökologisch und sozial belastet ist und auf der anderen Seite zum Gegenstand für Visionen nachhaltiger Energielandschaften, Rekultivierungsstrategien und sogenannter Innovation Valleys wurde. Für den Austausch des bevorstehenden Strukturwandels und seiner Planungsprozesse dient die fakultätsübergreifende Initiative REVIERa und der dazu im Wintersemester stattfindenden „vernetzten Lehre“ (u.a. mit den Lehrstühlen für Landschaftsarchitektur, der Hydrogeologie und Klimaforschung).
Im M2.1 Projekt widmen wir uns vorerst dem Hier und Jetzt und fragen: Wie können wir unsere individuellen Erfahrungen, unser Anwesend-Sein und aufmerksames Beobachten der Zeichen und Spuren der Zeit an einem Ort in eine Schau des Ganzen in den Bild-Raum eines Panoramas einbeziehen? Inwiefern ist das Versprechen „Alles sehen zu können“ ein Traum der Menschheit und lediglich eine Frage der Perspektive, die letztendlich im Fragmentarischen, Individuellen und Subjektiven verbleibt? Wir stellen uns ganz bewusst diesen Fragen und begeben uns auf die Suche nach einer Archäologie der Gegenwart (Foucault, 1969).
Dem entsprechend ist das erste Semester geprägt von Ortsanalysen (Feldstudien, künstlerische Aneignungsprozesse, explorative Stegreifformate), Exkursionen (Nordrand Garzweiler, Insel Hombroich, Besuch kultureller Orte der Illusion und Inszenierung DenHaag/Berlin) und den typologischen Untersuchungen historischer Rundbauten (Referate zu Panoramen, Sternwarte, Planetarien u.a.). Daneben stehen im ersten Semester die Standortbestimmung, die Entwicklung bildhafter Szenarien und individueller Hypothesen im Fokus der Auseinandersetzung.
Auf dieser Basis wird das Panorama im zweiten Semester konkret verortet und als architektonisches INSTRUMENT für die Entwicklung und Kommunikation von Zukunfts-Szenarien gedeutet. Ziel des M2.2 ist es, Panoramen als kulturelle Orte der Reflexion, der Begegnung und des Diskurses weiter zu entwickeln und im Sinne Virilios als eine „machine de vision“ (Virilio, 1989) zu entwerfen. Es geht darum, die historische Typologie des ‚Pan horama‘ (Pan: Alles und Ganz, horama: Sehen, Erscheinung) in eine zeitgenössische, funktional und semantisch begründete konzeptuelle Deutung zu überführen. Dies kann im Einzelfall auch zu völlig neuen entwurflichen Ausprägungen hinsichtlich der Dimension und Formgebung, der Temporalität und Lage im Raum führen. Je nach konzeptueller Prägung entstehen dabei (de-) zentrale Orte zwischen Installation-Art und Architektur als intermediale Konstellationen (Rebentisch 2017), in denen auch die taktile Erfahrungsdimension und Rezeption des Raumes (Benjamin 1936) im Vordergrund steht.


Partnerarbeit insbesondere im M2.1. möglich.

Prof. Thomas H. Schmitz Hannah Groninger Dominik Mohs